Jörg Baier
  
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Silke Baumann: Die unsichtbare Sonne

Klaus Heid: Ideallandschaften zwischen Vergangenheit und Zukunft

Fritz Emslander: Alte Meister, geblitzt. Oder: It’s all an illusion

Jörg Baier: Ruines : Ruine des Ruines

Jörg Baier: Ruines : Ruine des Ruines (Version française)


Cynthia Krell: Das Bielefelder Gefühl

Jörg Baiers Collagen und Zeichnungen kreisen beständig um die Dialektik von Konstruktion und Dekonstruktion – eine Dialektik, die er größtenteils im Spannungsfeld von Naturgegenstand und Künstlichkeit artikuliert. Dabei greift Baier auf sein eigenes, ständig wachsendes Bildarchiv zurück, welches hauptsächlich aus kopierten Reproduktionen in Schwarzweiß besteht und einen Zeitraum von der Antike bis in die Gegenwart umfasst. Bei den vorwiegend farbigen Zeichnungen wendet Jörg Baier die Frottagetechnik an und komponiert aus diesen Versatzstücken künstliche Landschaften. Sein grundlegendes Interesse bei den Collagen gilt vornehmlich der Geschichte und strukturellen Analyse von ganz konkreten Formen und klassischen Motiven innerhalb der westlich geprägten Kunstgeschichte. Baiers Werke lassen sich als Eingriffe verstehen, die auf die Konstruktion, Inszenierung, Transformation und Brüche in dieser Strukturgeschichte zielen und diese handwerklich offen legen – der Künstler als Sherlock Holmes der Kunstgeschichte.
Für die Ausstellung hat Baier mittelformatige Collagen angefertigt, die teilweise einen konkreten Bielefeldbezug aufweisen. Der Künstler griff dabei auf fotografische Aufnahmen zurück, die er während seines Aufenthalts in Bielefeld gemacht hat und kombinierte diese mit Material aus seinem Bildarchiv. Es sind sowohl Einzelarbeiten („Faltenwurf“, 2009) als auch Serien („Studie für Monument 1–3“, 2009) entstanden, die aus wiederkehrenden Formen und wieder erkennbaren Fragmenten montiert sind. So verweist die Collage „Grotte“ (2009) im Vordergrund auf die Bronzeskulptur von Thomas Schütte (*1954) im Skulpturenpark vor der Kunsthalle und zeigt im Hintergrund die Kopie einer Reproduktion des Nautilusbechers aus der Stiftung Huelsmann. In der dreiteiligen Werkreihe „Studie für Monument 1–3“ verwendet Baier Fragmente der architekturbezogenen Arbeit „Wandgestaltung“ (1961) von Karl Ehlers (1904-1973), die als Außenwandrelief an der Polizeidirektion Kesselbrink in Bielefeld zu verorten ist. Die abfotografierten, kopierten und vereinzelten Betonfertigteile mit den charakteristischen Positiv- und Negativformen, tauchen nun variantenreich komponiert in den Collagen auf.

Die Anziehungskraft der Collagen speist sich weniger aus dem Anreiz, das Suchspiel der Referenzen zu lösen, als vielmehr deren Umdeutung und Neuinszenierung im Bild zu beobachten. Dabei interessiert den Künstler nicht das direkte Zitieren, sondern, wie anfangs beschrieben, die Dialektik von Konstruktion und Dekonstruktion. So wird bei der Umarbeitung eines angeeigneten Motivs gleichzeitig dessen Zerstörung betrieben. Dies ist mit dem Ziel verbunden, eine neuartige Bildarchitektur aufzubauen, die das Moment des Kippens und der Polyperspektive formal und inhaltlich thematisiert. Das Potential der zweidimensionalen Arbeiten liegt daher in dem Dazwischen, dort entsteht ein Möglichkeitsraum, der sowohl das Vertraute als auch das Fremde in sich birgt. Inhaltlich lässt sich eine Brücke zwischen den Collagen und der subjektiven Wahrnehmung des urbanen Raumes und des städtischen Lebens schlagen, und zwar insofern, als dass die Wahrnehmung des Einzelnen einen fragmentarischen und selektiven Vorgang des Erinnerns darstellt, der stark mit der persönlichen Lebenssituation verbunden ist. Somit collagiert jeder von uns die Stadt auf seine ganz individuelle Art und Weise und greift dabei auf seinen subjektiven Bild- und Erinnerungsspeicher zurück.