| Jörg
Baier |
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Silke Baumann: Die unsichtbare Sonne Klaus Heid: Ideallandschaften zwischen Vergangenheit und Zukunft Fritz Emslander: Alte Meister, geblitzt. Oder: It’s all an illusion Ein Kulissenentree aus drapierten Stoffen und kopfstehenden Rasenstücken. Amorph zugeschnittene Landschaftsfragmente. Am Horizont: „Giorgione“. Der entleerte Himmel darüber ein Blick durch die Belichtungsplatte des Kopierers. Kompositräume wie diesen entwickelt Jörg Baier aus dem Fundus
der Kunst-geschichte. Er ist fasziniert von Altmeistern wie Albrecht
Altdorfer oder Fragonard, von einzelnen Motiven und Bildlösungen
wie allgemein von der Künstlichkeit ihrer Bildwelten. Ihre Gemälde – im
Zeitalter massenhafter Reproduktion für jeden verfügbar – unterzieht
er einem Prozess der Frag-mentierung, er isoliert und extrahiert mit
Hilfe von Kopiergerät und Schere. Die Collagen aus schwarz-weiß kopierten Abbildungen haben seit etwa zwei Jahren als selbständige Bildform ihren Platz in Jörg Baiers Werk. Sie sind Experimentierfeld und visuelles Labor, in dem er parallel zu den Grafit- und Buntstiftzeichnungen und in Fortführung seiner zeichnerischen Interessen Bildideen entwickelt und in Varianten umsetzt. Viele der großformatigen Zeichnungen teilen mit den Collagearbeiten deren Konstruiertheit: die komplexen Strukturen von Bildräumen, die sich nicht unmittelbar dem Auge erschließen. Menschenleere, von markanten Bäumen überstandene, durch dichte Vegetation oder ruinöse Architektur nach hinten abgeschlossene Landschaften versperren sich eher dem Betrachter, als dass sie ihn zum Betreten einladen würden. Ein mehr oder weniger deutlich gezogener Horizont ermöglicht zwar in den meisten Zeichnungen eine gewisse Navigation innerhalb des Bildraumes und gibt Halt angesichts der Fülle der überbordenden Formen. Dennoch erscheint der Raum diskontinuierlich, gebrochen. Die Vordergründe bleiben merkwürdig vage: In Verkehrung der optischen Verhältnisse von Nähe und Ferne werden sie generalisierend, fast abstrakt behandelt, während sich im Mittel- und Hintergrund Vegetation detailreich entfaltet. Es bleibt unklar, ob die hier unregelmäßig mäandernden, dort fleckig verteilten und unter Verwendung des Radiergummis verwischten Schraffuren im Vordergrund als Schatten oder als Spiegelungen im Wasser zu interpretieren sind. Diese Offenheit in der Zeichnung signalisiert das Gegenteil von „festem Boden“. Jörg Baier behandelt die Zeichnung durchaus als ein sperriges Medium, das sich einer oberflächlichen Rezeption entzieht. Das Resultat seiner Verunklärung der Räume ist eine dezidierte Künstlichkeit, die noch weiter betont wird durch auffällige (teils an Max Ernst erinnernde) Frottage-Texturen und bewusst eingesetzte Unregelmäßigkeiten in der Strichführung, vor allem aber durch eine Farbskala, die sich weit von den „natürlichen“ Lokalfarben entfernt. Zudem bleibt neben und zwischen den bezeichneten Flächen immer wieder das Weiß des Papiers stehen und erinnert – ähnlich wie die neutralen grauen Flächen der Leerkopien in den Collagen – an den Entstehungsprozess, die künstliche Konstruktion des jeweiligen Bildes. Der Künstler trifft auf verschiedenen Ebenen Vorsorge gegen die Entstehung eines einheitlichen, glatten Illusionsbildes. Dem Betrachter verschafft Jörg Baier eine Distanz, die ihm kaum erlaubt, in die Zeichnungen einzutauchen, sich darin zu verlieren wie in einem Tagtraum. Stattdessen steht dieser immer wieder vor der Notwendigkeit, sich zunächst des Sichtbaren und dann seines eigenen Standes in ihm zu versichern. Einige jüngere Arbeiten, düstere Visionen von vergangenen oder zukünftigen Ruinenstädten, sind durchgehend ambivalent. Ästhetisch zwischen Piranesis phantasmagorischer Archäologie und Fritz Langs expressionistischen Filmkulissen angesiedelt, dominiert in ihnen gegenüber der leuchtenden Palette früherer Zeichnungen der schwarze Grafit. Die Blätter zeigen über Plastikgittern und ähnlichen Fundstücken durchgeriebene Strukturen, die in der Wahrnehmung zwischen räumlicher Architektur und flacher Kulisse changieren. Das, worin man zunächst vielleicht einen Grundriss zu erkennen glaubte, erscheint im zweiten Blick als Ansicht von Mauern und zerfallenden Treppenläufen. Die in der Auflösung begriffene Architektur ist unglaublich transparent, in alarmierendes Gelb getaucht und wird als solche erst durch ihr Umfeld überhaupt definierbar, durch im Schwarzen zu vermutende Vegetation und einen in dichten Schraffuren geschlossenen Himmel. Auf frappante Weise wird das Generalthema des Ruinengenres, das Kommen und (Ver)Gehen, formal umgesetzt und im Wahrnehmungsprozess nachvollziehbar: Die verstörende Diffundierung von Positiv und Negativ, Architektur und Hintergrund, lässt an den Grenzen des Gegenständlichen das spontan Erkannte im nächsten Moment wieder verschwinden. Eine Synthese bleibt der Künstler schuldig. Damit fordert er aber den Betrachter heraus: Ein schlüssiger Bezug zwischen den formal widersprüchlichen und inhaltlich widerstreitenden Elementen von Architektur und Natur kann sich nur in seinem Kopf einstellen. Hierin liegt der kategoriale Unterschied zu jenen Landschaften des 15., 16. oder 18. Jahrhunderts, eines Altdorfer, Giorgione oder Fragonard, in denen man sich – ist man nur etwas geübt – mit fast traumwandlerischer Sicherheit bewegen kann. Der dem Betrachter zugedachte Anteil ist dort im Wesentlichen auf die Deutung der gängigen Staffageszenen beschränkt. Doch weder Eremiten noch Blindekuh-Spieler finden sich unter Baiers Bäumen ein, die Landschaftsbühne ist entleert. Einzelne Naturmotive hat sich der Zeichner so gründlich angeeignet, dass sie kaum als Zitate (wieder) zu erkennen sind. Wo etwa ein mit Flechten besetzter, halb abgestorbener Baum der Donauschule oder die künstliche Garten-Natur des Rokoko mit ihren Wasserspielen noch als ferne kunsthistorische Erinnerungen nachklingen, sind diese hier aber in ganz eigenartig leuchtende Naturvisionen eingebunden. Wie im Licht eines in diesem Moment und in unmittelbarer Nähe einschlagenden
Blitzes zeigt Jörg Baier in der Zeichnung mit dem programmatischen
Titel „It’s all an illusion” (2005) einen von Fragonard
geborgten Baum. Er steigert die Farbigkeit Fragonards ins Irreale. Strahlend
hell erscheint der Baum im Kontrast zu den kühlen Blau- und Violetttönen
einer dahinter liegenden Kaskade: zugleich entmaterialisiert und energetisch
aufgeladen. Im Gegensatz zum systematisch abtastenden Licht des Kopiergerätes
lässt dieser Blitz von dem Baum nicht mehr als eine grelle, ins
Negativ gekehrte Hohlform erkennen. Oder könnte das Dargstellte
ein Nachbild des im Blitzlicht Wahrgenommenen widergeben, jenes optische
Phänomen, das wir der Trägheit unserer Retina zu verdanken
haben? Der Künstler hätte einen Lichteindruck festgehalten,
der nach der blitzartigen Lichteinwirkung für etwa 1/20 einer Sekunde
auf der Netzhaut verbleibt – einen flüchtigen Eindruck, der
in der Folge zwar nur als Vorstellungsbild weiter besteht, deswegen aber
seinen Bezug zum Gesehenen nicht verliert. Im Übertragenen: Geht
es in der Kunst nicht vor allem um die Visualisierung solcher Eindrücke? Die mehr oder weniger eindrücklichen Nachbilder unseres mittelbaren
Kunst-erlebnisses aber tragen wir weiter mit uns herum. Und wir projizieren
diese wiederum auf reale Landschaften, die wir sehen. Die Leinwände
hierfür – und ist es auch nicht der kaleidoskopartig schimmernde
Vorhang eines Wasserfalls – hält die Natur bereit. Jörg Baiers Ein-Bildungen vorgängiger
Landschaftsmotive belegen mit der Nachhaltigkeit des altmeisterlichen
Bildfundus auch eine Grund-konstante der Wahrnehmung als subjektives
Konstrukt: Sie führen vor, wie sich im Landschaftserlebnis erinnerte
(Nach)Bilder und auf der Realität gründende (Vorstellungs)
Bilder zu einer komplexen Imagination des Gesehenen verschränken. |
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