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Baier |
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Silke Baumann: Die unsichtbare Sonne Ich kenne die Arbeiten von Jörg Baier seit dem Herbst letzten Jahres, als wir im Rahmen der Regionale 7 eine Auswahl seiner Collagen in der Kunsthalle Basel präsentiert haben. Ausschlaggebend für die Entscheidung, die Collagen in der Kunsthalle Basel zu zeigen, war vor allem der Tatsache geschuldet, dass sich unter den jungen KünstlerInnen der regionalen Szene ein Trend beobachten liess, mit kunsthistorischen Referenzen zu arbeiten und sich so in geistige Wahl- verwandschaften zu den grossen Vorbildern aus der Kunstgeschichte zu setzen. Ich muss zugeben, dass ich zum damaligen Zeitpunkt die Arbeit von Jörg Baier auf diese historische Verortung beschränkt interpretiert habe. Die nähere Beschäftigung mit Werk und Künstler hat mich eines Besseren belehrt. Jörg Baier arbeitet zweigleissig: Von der Malerei kommend beschäftigt er sich sich schon seit längerer Zeit mit den künstlerischen Techniken der Collage und Zeichnung. Er präsentiert uns seine Arbeiten aus diesen - seinen sehr persönlichen - Experimentierfeldern als sich einander gegenübergestellt und miteinander in Kommunikation tretend. Auf den ersten Blick scheinen beide Interessensgebiete nur wenig miteinander zu tun zu haben, aber eben nur auf den ersten Blick. Bei den Collagen fällt die Fokussierung auf die Verarbeitung kunsthistorischer Referenzen auf. So verwendet Jörg Baier für diese fast ausschliesslich Vorlagen aus Kunstkatalogen, aber auch vereinzelt fotografische Vorlagen von Schmuckstücken aus Hochglanzmagazinen. Der Künstler verhandelt dabei nicht nur Themen altmeisterlicher Vorbilder, wie die spezifische Bühnenthematik eines Giorgio de Chirico oder die künstlich perfekte Landschaft eines Albrecht Altdorfer, sondern lässt sich gleichzeitig auf ein gestalterisches Spiel mit der Formensprache der Bildmotive ein: so werden sich barock aufbauschende schwere Samtvorhänge an einer Diagonalen entlang gespiegelt, was das Arrangement in eine fast schon verruchte Sinnlichkeit kippen lässt. Die Herangehensweise bei der Realisierung der Werke ist denkbar einfach: Schwarzweiss-Kopien von einzelnen Bildelementen oder -ausschnitten werden vergrössert, verkleinert und vervielfältigt, ausgeschnitten und über- und aneinander geklebt. Was dabei entsteht ist umso erstaunlicher: Allein der selektive Blick des Künstlers und die Schere komponieren den Bildaufbau. Schon seit mehr als zwei Jahren arbeitet Jörg Baier mit dieser Technik des Selektierens, Akzentuierens und Konstruierens. Ursprünglich von ihm angewandt um Vorlagen für Zeichnungen zu erarbeiten, wurde aus dem Werkzeug der eigentliche Fokus des Interesses. Die spezifische Atmosphäre der Collagen ist vor allem durch die konzentrierte, dichte Bildkomposition geprägt. Es lässt sich ihnen ablesen, dass sie nicht in einem Arbeitsgang entstanden sind, sondern in vielen Schritten er- und umgearbeitet wurden. Ergebnis sind bühnenhafte Kulissen mit einer glatten Oberfläche, die meist in der Zweidimensionalität verhaftet bleiben und keinen sich ausdehnenden Raum öffnen. Daher funktionieren die Collagen eher als Bildtafeln, die fast schon ikonenhafte Motive aus der Kunstgeschichte in einer eigentümlichen, surrealen Verschmelzung miteinander zeigen. Die starke Anziehungskraft der Collagen speist sich weniger aus dem Anreiz das Suchspiel der Referenzen zu lösen, als vielmehr in der Sogkraft der Arbeiten als atmos- phärische Projektionsflächen, die jedem umherschweifenden Blick vertraute Anhaltspunkte liefern. Obwohl der Künstler sich selbst ein sehr strenges und enges Regelwerk auferlegt hat - bestimmt durch den Fundus der Bildmotive und in der Technik der Collage, gelingt es Jörg Baier dennoch sehr variationsreiche, lebendige und immer wieder neue Bildräume zu erschaffen. Die festgelegte Begrenzung wird für den Künstler zur Herausforderung und ist der Motor für die Freisetzung künstlerischer Schaffensprozesse. Sehr wichtig ist ihm dabei auch die Thematik der Rahmung, die sich immer aus dem einzufassenden Werk ergibt. Die Rahmung ist als Bildbestandteil des einzelnen Werkes und nicht als blosse Konservierung oder entsprechende Präsentationsform zu sehen. So gibt die Rahmung grosszügig Freiraum, überspitzt selbstbewusst oder begrenzt, wo es nötig ist. Im Gegensatz zu den in schwarzweiss gehaltenen Collagen - so gibt es bisher zumindest erst einen Versuch des Künstlers mit Farbe zu arbeiten - bestechen die Zeichnungen, die mit Frottagetechniken gekreuzt sind durch ihre eigenwillige und gewagte Farbkomposition und Leuchtkraft. Wie die Collagen sind auch die Zeichnungen an ein vom Künstler festgelegtes Regelwerk gebunden: Als Pausvorlagen dienen dem Künstler gefundene Materialien, die sich durch eine reliefartige Oberfläche auszeichnen - meist Gegenstände aus Kunststoff, die von Böden von Transportkisten über Schablonen zur Kuchenverzierung bis zu gestanztem Lochblech reichen. In den Frottagen ist die Künstlichkeit Baiers Bildwelten noch schonungsloser und direkter als in den Collagen. Dies zeigen vor allem die Zeichnungen, die das Sujet der „Neuen Ruinen“ aufnehmen: die zerbröckelnden und fragilen Fassaden, seltsam isoliert inszeniert vor bedrohlich eingefärbten, monochrom gehaltenen Hintergründen, lösen Unbehagen aus. Obwohl die Gebäude und Gebilde uns allen irgendwie bekannt vorkommen und an weltanschauliche Denkmäler, Industriearchitekturen der Moderne oder an Szenarien aus Filmen wie „Metropolis“ von Fritz Lang erinnern, sind sie alle frei vom Künstler erfunden. Die Landschaftsdarstellungen mit getrockneten Leim-spuren auf der Malunterlage, verbinden sich durch den Abrieb von Wachsstiften und Grafitblöcken zu organischen Formen und erinnern an die Welten eines Jules Vernes oder die fremden Planeten, die von Science-Fiction-Autoren der Moderne entworfen wurden. Laut Designtheoretiker Norbert Bolz wird Kreativität ungerechtfertigterweise überschätzt: die herausragende Leistung des Menschen sei vielmehr die Fähigkeit zur Selektion, die in Zeiten von Informationsgesellschaften und der immer weiteren Auffächerung von diversiven Lebensstilen immer wichtiger wird. Was zählt, ist die richtige Auswahl, aus dem Angebot an Ideen zu filtern. Jörg Baier bleibt bei der getroffenen Wahl nicht stehen, sondern ganz im Sinne von Max Ernst, in dessen Tradition sich der Künstler offen stellt, „sich vor allem vom (gesteuerten) Zufall inspirieren zu lassen“ komponiert der Künstler künstliche Welten. Diese sind aus uns bekannten Bildern und Assoziationen aufgebaut, indem sie unser kollektives Wissen an Vergangenes und Erinnertes subtil aktivieren. Gleichzeitig lösen sie dennoch eine Unsicherheit bei uns aus, die uns Gefahr laufen lässt sich in ihnen zu verlieren. Klaus Heid: Ideallandschaften zwischen Vergangenheit und Zukunft Fritz Emslander: Alte Meister, geblitzt. Oder: It’s all an illusion Jörg Baier: Ruines : Ruine des Ruines Jörg Baier: Ruines : Ruine des Ruines (Version française) Cynthia Krell: Das Bielefelder Gefühl |
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